Wir reden mit!

Schweine

Ursprung:
Hausschweine stammen vom asiatischen und europäischen Wildschwein ab. Sie wurden offensichtlich unabhängig in mehreren Regionen domestiziert, denn Funde aus dem östlichen Mittelmeerraum belegen dort ihre Domestizierung bereits 9.000 v. Chr. und in Mitteleuropa um ca. 4.000 v. Chr. Das große Verbreitungsgebiet der Wildschweine von Europa über Asien bis Nordafrika ist ein Nachweis für ihre Anpassungsfähigkeit.

Verhalten:
Weiterhin sind Schweine intelligent, neugierig, lernfähig und entgegen der weitläufigen Meinung auch sauber, denn ihre „Toilette“ befindet sich in der Regel deutlich entfernt von ihrem Aufenthaltsbereich. Zu den Grundbedürfnissen des Schweines gehören Körperpflege, Sozialverhalten, Ruhen, Gehen, Laufen, Erkunden sowie vielfältige mit der Nahrungsbeschaffung und -aufnahme verbundene Verhaltensweisen. Ca. 70 % ihrer wachen Zeit verbringen die Allesfresser mit der gemeinsamen Nahrungssuche. Hierzu durchwühlen sie großflächig den Boden mit dem Rüssel und suchen nach pflanzlicher (Knollen, Wurzeln, Pilze) und tierischer (Würmer, Insekten, Käfer, Larven) Nahrung. In der freien Wildbahn leben sie in Gruppen (Rotten) mit festen Revieren mit einer sehr klaren Sozialstruktur. Typisch für die Sau ist ihr angeborenes „Nestbauverhalten“, das kurz vor dem Abferkeln einsetzt. Diese arttypischen Verhaltensweisen hat das Hausschwein von seinen Vorfahren geerbt. Kann das Verhalten nicht ausgelebt werden, kommt es zu Verhaltensstörungen wie beispielsweise Schwanzbeißen und Kannibalismus (siehe unten).

Aktuelle Nutzungs-/Haltungsbedingungen:
In der konventionellen Schweinemast in Deutschland werden die Tiere überwiegend in Gruppen von 10-20 Tieren gehalten. Die Stallabteile (sogenannte Buchten) sind mit Vollspalten ausgestattet, um den Kot und Harn direkt abzuleiten. Aufgrund der speziellen Züchtung und des besonders energiereichen Futters können die Tiere Tageszunahmen von über 1 kg pro Tag erreichen. Dadurch wird das Mastendgewicht von 110-125 kg nach ca. 6 Monaten erreicht. Jedem Tier muss eine Mindestbodenfläche von 0,75 m² zur Verfügung stehen, Tieren über 110 kg eine Fläche von 1 m². In der Schweinehaltung unterscheidet man üblicherweise zwischen der Sauenhaltung, der Ferkelaufzucht und der Schweinemast.

Themen des Tierschutzplans Niedersachsen:
Forderungen des Tierschutzplans Niedersachsen und wie werden sie umgesetzt:

NOTIZEN

Im Jahr 2013 gab es einen Bestand von
6,030 Millionen Mastschweine
und 2,658 Millionen Ferkel in Niedersachsen!

  • Kupieren der Schwänze

    Momentan wird in Deutschland und einigen anderen EU-Mitgliedstaaten als Prophylaxemaßnahme gegen Schwanzbeißen in der späteren Aufzucht und Mast bei nahezu allen konventionell erzeugten Ferkeln der Schwanz bis zum 4. Lebenstag betäubungslos gekürzt. Laut EU-Richtlinie ist das Kürzen der Schwänze nur im begründeten Einzelfall erlaubt und nur zulässig, wenn in dem jeweiligen Betrieb durch den Verzicht auf diese Schutzvorkehrungen bereits Ohr- und Schwanzverletzungen aufgetreten sind und andere Maßnahmen getroffen wurden, um Schwanzbeißen und andere Verhaltensstörungen zu verhindern. In der Praxis bereitet die Umsetzung dieser Vorgaben allerdings bei einem Großteil der Betriebe erhebliche Schwierigkeiten. Das Auftreten der Verhaltensstörung „Schwanzbeißen und Kannibalismus“ ist multifaktoriell bedingt und kann nur betriebsindividuell gelöst werden.

    Als Einflussfaktoren für das o. g. Fehlverhalten werden ungeeignetes Stallklima, Gesundheitsprobleme in der Herde, unzureichende Beschäftigung, zu geringer Rohfaseranteil in der Fütterungsration, unzureichende Versorgung mit Wasser, fehlende Strukturierung der Bucht etc. diskutiert. Als Folge der Verletzungen durch Schwanzbeißen kann es zu aufsteigenden Infektionen kommen, die sich beispielsweise in der Wirbelsäule, in Gelenken oder der Lunge ausbreiten.

    Das Kupieren der Schwänze wird mit Hilfe von speziellen Zangen oder elektrisch erhitzten Messern durchgeführt. Der Schweineschwanz besteht hauptsächlich aus Knochen, Bindegewebe und Haut und ist in seiner gesamten Länge sensibel innerviert. Das durch den Eingriff entstehende besonders empfindliche Narbengewebe soll verhindern, dass die Schweine Manipulationen durch Buchtengenossen am Schwanzstumpf dulden. Pathohistologische Untersuchungen zeigen, dass sich im Verlauf der Heilung im Narbengewebe Neurome (Nervenknoten) bilden können, die für die Schmerzempfindlichkeit aber auch für sogenannte Phantomschmerzen im Schwanzstumpf verantwortlich sind.

    Weiterhin ist bei diesem Eingriff zu berücksichtigen, dass der Schwanz des Schweins ein wichtiger Indikator ist für Störungen im Wohlbefinden und Mängel in den Haltungsbedingungen. Die Position bzw. Bewegung des Schwanzes und sein Gesamtzustand geben Hinweise sowohl auf die Einzeltier- als auch auf die Gruppenbefindlichkeit.

    Ziel: Die Haltungsbedingungen sind dem Tier anzupassen, damit auf prophylaktische Eingriffe am Tier verzichtet werden kann. Um die Schweine haltenden Betriebe bei der Vermeidung des Schwanzbeißens zu unterstützen, werden von der Facharbeitsgruppe konkrete Praxisempfehlungen zusammengestellt und veröffentlicht. Es werden dabei bisherige Erkenntnisse sowie die Ergebnisse aus Untersuchungen in Pilotbetrieben berücksichtigt. Die Empfehlungen beinhalten Maßnahmen zur Vorbeugung von Schwanzbeißen sowie Strategien für ein sofortiges Eingreifen beim Auftreten von Schwanzbeißen im Bestand.

    Sachstand: In Pilotbetrieben wurden die schon vorhandenen Erkenntnisse unter Praxisbedingungen getestet und in die hiesige Haltungspraxis umgesetzt, um daraus Empfehlungen zur Verhinderung von Schwanzbeißen und Kannibalismus ableiten zu können. Die Ergebnisse bestätigten, dass einzelbetriebliche Lösungen von großer Wichtigkeit sind. Weiterhin konnte gezeigt werden, dass das Versuchsdesign der ersten Studien nicht alle wesentlichen Parameter ausreichend berücksichtigte und die Anforderungen an die Haltungsbedingungen offensichtlich auf einem deutlich höheren Niveau anzusiedeln sind. Von grundsätzlicher Bedeutung sind dabei die Fähigkeit der betreuenden Person, rechtzeitig Anzeichen für beginnendes Schwanzbeißen zu erkennen, sowie optimale Aufzuchtbedingungen (in der 3.-5. Lebenswoche).

    Aktuell sollen die höheren Anforderungen an die Aufzucht und Haltung in einem weiteren Pilotprojekt geprüft werden, außerdem wird an der Einrichtung eines Expertennetzwerkes in Niedersachsen gearbeitet, das den Tierhalterinnen und Tierhaltern u. a. Hilfestellungen mittels Beratung liefern kann.

    Der Verzicht auf das routinemäßige Kürzen der Schwänze beim Schwein als Ziel des Tierschutzplans Niedersachsen gehört in jeglicher Hinsicht zu den kostenintensivsten Maßnahmen. Diese Aussage bezieht sich nicht nur auf die Finanzierung der o. g. Projekte, sondern berücksichtigt auch den Aspekt, dass eine intensivere Tierbeobachtung sowie verbesserte Haltungsbedingungen (u. a. bzgl. Platzangebot, Beschäftigungsmaterial) nur realisiert werden können, wenn deutlich höhere Preise für Schweinefleisch bzw. Produkte aus Schweinefleisch bezahlt werden.

  • Verzicht auf die betäubungslose Kastration

    Laut § 6 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2a Tierschutzgesetz ist das Kastrieren von unter acht Tage alten männlichen Schweinen erlaubt. Im Anschluss an die Kastration eines älteren Schweines sind schmerzstillende Arzneimittel einschließlich Betäubungsmittel anzuwenden. Es ist vorgesehen, dass diese Ausnahmeregelung mit der Novellierung des Tierschutzgesetzes zum Jahr 2017, nach dem Tierschutzplan Niedersachsen bis 2016, entfällt. Im Rahmen des Tierschutzplans werden Alternativen zur betäubungslosen Kastration zusammengetragen und deren Vor- und Nachteile erarbeitet. Aktuell diskutiert werden drei Varianten:

  • Chirurgische Kastration unter Narkose einschließlich Schmerzausschaltung

    Seitens der Facharbeitsgruppe Schweine wird die Inhalationsnarkose als bevorzugtes Verfahren gegenüber der arzneimittelrechtlich zugelassenen Injektionsnarkose mit Azaperon und Ketamin eingestuft. Bei der Anwendung der Inhalationsnarkose mit Isofluran sind neben den arzneimittelrechtlichen Vorgaben Belange des Arbeits- und Klimaschutzes zu berücksichtigen.

  • Jungebermast

    Die Jungebermast wird in deutschen Schweine haltenden Betrieben durchgeführt. Auch in anderen Mitgliedsstaaten (z. B. Großbritannien, Irland, Spanien, Portugal und den Niederlanden) erfolgt in Betrieben die Mast von unkastrierten männlichen Tieren.

    Haltungstechnische Beratungsempfehlungen z. B. zu Fütterung, Gruppengröße, getrennter Aufstallung von männlichen und weiblichen Tieren sind vorhanden (siehe u. a. QS-Kompass Jungebermast) und weiterzuentwickeln. Jedoch führt eberspezifisches Verhalten (z. B. Aufreiten, Penisbeißen) zu einer erhöhten Verletzungsgefahr. Dieses Risiko kann reduziert werden bei Berücksichtigung der bereits vorhandenen Empfehlungen und bei Erfüllung eberspezifischer Ansprüche.

    Problematischer als eine Anpassung der Haltungsbedingungen ist der Umstand zu sehen, dass das Fleisch einiger Eber einen Geruch aufweist, der bei Verbraucherinnen und Verbrauchern zu einer schlechten Akzeptanz des Fleisches führt. Momentan ist aber keine Methode zur quantitativ objektiven Geruchsfeststellung verfügbar; eine sichere Freiheit des Schweinebestands von Ebern mit Geruchsabweichung wird auch unter Berücksichtigung der Zucht in absehbarer Zeit nicht realisierbar sein. Da aus vorgenannten Gründen auch in Zukunft Schlachtkörper mit Geruchsabweichungen anfallen werden, ist die Bereitschaft bzw. Möglichkeit des Marktes, Eberfleisch zu vermarkten, begrenzt. Abgesehen von den Marktführern für Schweineschlachtungen sind fehlende Verarbeitungsmöglichkeiten von Jungeberfleisch zum jetzigen Zeitpunkt problematisch. Diesem Nachteil stehen bessere biologische Leistungen gegenüber.

  • Impfung gegen Ebergeruch („Immunokastration“)

    Zum gegenwärtigen Zeitpunkt besteht keine Akzeptanz des Lebensmitteleinzelhandels an der Vermarktung von den Tieren, die gegen die Ausprägung des Ebergeruchs geimpft wurden. (Es bestehen Bedenken, dass in den Medien die Impfstoffanwendung als eine Hormonbehandlung dargestellt wird.)

    Ziel: Verzicht auf betäubungslose Kastration.

    Sachstand: Ein Konzept zum „Ausstieg aus betäubungsloser Kastration“ liegt vor.

  • Förderung der tiergerechten Haltung von Sauen

    Die Bewegungsmöglichkeit und das Ausüben arteigener Verhaltensweisen der Sauen sind in den heute gebräuchlichen konventionellen Haltungssystemen stark eingeschränkt. Die Haltung im sogenannten Kastenstand während der Geburt und der Säugeperiode wird u. a. mit dem Schutz der Ferkel vor Erdrücken durch die Sau begründet. Im Kastenstand können sich die Tiere lediglich hinlegen und aufstehen, ein Umdrehen ist nicht möglich. Durch die Fixierung und ohne vorhandenes Nestbaumaterial (beispielsweise Stroh, (Jute-)Decken etc.), das sie spätestens 24 Stunden vor der Abferkelung benötigt, ist es der Sau nicht möglich, ihr natürliches Nestbauverhalten durchzuführen. Im Rahmen des Tierschutzplans soll erarbeitet werden, inwieweit den Sauen in konventionellen Haltungsformen durch das Angebot von Nestbaumaterial und freier Bewegung ihr arttypisches Verhalten ermöglicht werden kann, ohne eine Gefährdung der Ferkelgesundheit befürchten zu müssen.

    Ziel: Förderung der tiergerechten Haltung von Sauen, Umstrukturierung der Haltungseinrichtungen.

    Sachstand: Ein Konzept zum Ausübenkönnen des Nestbauverhaltens liegt vor.